Geschichte der Schule

Die Österreichisch-Ungarische Europaschule Budapest wurde 1995 gegründet. Das ehrwürdige Gebäude aus der Gründerzeit, das dem Orden der Schulbrüder gehört, wurde 1994/95 vollständig renoviert.

Die Europaschule ist heute eine interkulturelle, bilinguale Schule, die Kindern aller Glaubensgemeinschaften offen steht. Sie ist auch eine der acht österreichischen Auslandsschulen und Teil des Österreichischen Bildungszentrums Budapest (ÖBZ).

Wie es begann?


Im Jahre 1896 ließ der Budapester Maria - Elisabeth - Verein in der Istenhegyi út in Buda ein Waisenhaus errichten, zu dessen Leitung die Schulbrüder gerufen wurden. Bald wurde das Haus, das höchstens 35 Personen Platz bot, zu klein.

Als allmählich die finanziellen Zuwendungen von adeligen und großbürgerlichen Gönnern ausblieben, wurde die Anstalt in ein Knaben-Pensionat umgewandelt. Die St. Josef-Knabenerziehungsanstalt, wie es damals hieß, erfreute sich jedoch großen Zulaufs und Zuspruchs, vor allem aus wohlhabenden Bevölkerungsschichten. Deshalb wurde das Gebäude 1906 aufgestockt und 1914 um eine weitere Etage vergrößert. 1914 erwarben die Schulbrüder das Anwesen. Weitere An- und Ausbauten folgten, unter anderem ein Turnsaal und eine Hauskapelle.
Durch Ankauf benachbarter Grundstücke konnte ein großer Kinderspielplatz angelegt werden. Das stattliche Gebäude beherbergte in seiner Blütezeit eine Knabenerziehungsanstalt, bestehend aus einer Volksschule und einer Bürgerschule mit Internat.

Über die Zeit des 1. Weltkrieges liegen uns leider keine Berichte vor. Erst im Jahre 1931 liest man in der Schulchronik: „Das Haus erfreut sich eines sehr guten Rufes. Gemäß Statistik vom 31. Dezember 1931 zählt die Anstalt 117 Pensionäre, 16 Externe, 12 Brüder und 4 weltliche Lehrer." 1940 soll es immerhin noch 250 Schüler gegeben haben, die von 12 Schulbrüdern unterrichtet wurden.

2003 versuchten ich über einen Aufruf in der wöchentlich erscheinenden Bezirkszeitung "Hegyvidéki" ehemalige Schüler der St. Josef-Knabenerziehungsanstalt ausfindig zu machen. Es haben sich beinahe erwartungsgemäß nicht viele gemeldet, doch mit drei Herren konnte ich Kontakt aufnehmen.

Ferenc Szablyár

Da meine Ungarischkenntnisse nicht ausreichten, habe ich die SchülerInnen meiner Klasse (8. Schulstufe) gebeten, die Interviews mit den Zeitzeugen zu führen und mir diese anschließend zu übersetzen, was anfänglich nicht gerade Begeisterungsstürme auslöste. Doch als der erste Zeitzeuge in die Klasse kam und zu erzählen begann, war das Eis gebrochen. Die SchülerInnen zeigten sich an der Geschichte „ihrer Schule“ und an den Erzählungen aus der früheren Zeit äußerst interessiert.

Einer der Zeitzeugen, Herr Ferenc Szablyár, schenkte mir auch zwei Fotos und schrieb dankenswerter Weise in deutscher Sprache dazu:

"Ergänzung zur Schulchronik:

Ungefähr im Jahre 1929 wurde in der Schule des Ordens der Schubrüder eine Uniform eingeführt. Aber das Tragen war nicht obligatorisch, die Uniform sollte nur zu festlichen Gelegenheiten getragen werden. Dieses Foto wurde am Südbahnhof (Déli pu.) beim Empfang eines hohen Gastes gemacht."   

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges war im gesamten Gebäude der St. Josefs-Knabenerziehungsanstalt nur mehr ein einziger Raum halbwegs bewohnbar, der den sieben Brüdern als Gemeinschafts- und Schlafraum diente. Alle 100 Fensterscheiben waren kaputt. Als Glasersatz fand nach und nach imprägniertes Pergamentpapier, das auf dünne Drahtgitter gespannt wurde, Verwendung. Dieses damals wertvolle Material hatten die Brüder bei Aufräumungsarbeiten im Handarbeitsraum entdeckt.Obwohl ein Architekt dem Gebäude höchste Einsturzgefahr bescheinigte, nahmen die Brüder am 3. April 1945  mit externen Schülern der Volks- und Bürgerschule in vier Räumen den Unterricht wieder auf. Das Inspektorat der Katholischen Schulen erlaubte den Schulbetrieb nur unter der Bedingung, dass  die Eltern die Verantwortung auf sich nahmen. Im Laufe des Schuljahres interessierten sich immer mehr Eltern für die Schule. Sie waren sogar bereit, mit Baumaterial und Arbeitskraft zum Wiederaufbau der Schule beizutragen. Auch zwei internationale Hilfsorganisationen gewährten Unterstützung. Im Jahre 1946 begann dann der „organisierte“ Schulneubau durch das ungarische Unterrichts-
ministerium. Im Schuljahr 1946/47 konnten 60, im darauf folgenden Jahr bereits 100 Schüler aufgenommen werden. Allerdings häuften sich damals im Rundfunk und in der Presse die Angriffe auf die katholischen Privatschulen. Am 17. Juni 1948, kurz nach Ende des Schuljahres, beschloss das Parlament die Verstaatlichung aller kirchlichen Bildungseinrichtungen. 1950 wurden alle Orden aufgelöst und ihre Besitzungen verstaatlicht. Die sieben noch bis 1950 in St. Josef in Budapest verbliebenen Schulbrüder mussten das Gebäude nun endgültig verlassen. 1950 wurde aus der verstaatlichten Schule ein Lehrlingsheim, dann eine gewerbliche Fachschule und schließlich ein Heim für Schwesternschülerinnen. Bis zum Zeitpunkt der Rückgabe diente das Gebäude, dessen baulicher Zustand ziemlich desolat war, da die 1946 begonnenen Reparatur- und Neubauarbeiten nie fortgesetzt wurden, als Kolleg der Universität für ärztliche Fortbildung, d.h. als Teil der medizinischen Fakultät.

Neubeginn 1990

Die Wiederaufnahme der Tätigkeit des Ordens in Ungarn wurde im April 1990 beschlossen. Ein Gesprächstermin mit der zuständigen Staatssekretärin Maria Honti im Kultusministerium half entscheidend weiter. Als Bedingungen für die Schulgründung bzw. Anerkennung der Zeugnisse nannte sie, dass der Unterricht in der ungarischen Sprache (Literatur, Grammatik) und das Fach „Ungarische Geschichte“ in ungarischer Sprache von ausgebildeten ungarischen PädagogInnen erfolgen sollte, um den Schülern die Möglichkeit zu gewährleisten, die Matura an einem ungarischen Gymnasium ablegen zu können. Auch sollten die Kenntnisse der Schulabgänger nach der 8. Schulstufe soweit den nationalen Anforderungen entsprechen, dass ein Übertritt in eine ungarische Schule problemlos möglich ist. Staatssekretärin Honti sah die neue Schule als Chance für ungarische Kinder, bereits ab dem Kindergartenalter eine zweite Sprache von muttersprachlichen LehrerInnen zu erlernen und nach der 8. Schulstufe eventuell das im September 1990 eröffnete Österreichische Oberstufenrealgymnasium in Budapest besuchen und dort maturieren zu können. So war es auch mit Hilfe österreichischer Politiker, wie Dr. Alois Mock und Dr. Erhard  Busek gelungen, dass am 30. Juni 1993 den Schulbrüdern die Liegenschaft in der Istenhegyi út 32 im 12. Bezirk von Budapest mit der Auflage zurück gegeben wurde, dort wieder eine Schule zu betreiben.

Wichtigster personeller Faktor wurde nun Direktor Alfred Brychta. Er leitete damals eine Schulbrüderschule in Wien/Währing. Ab 1992 übernahm er die Geschäftsführung und betreute vorerst beide Schulen gleichzeitig. Ihm verdankt das Gebäude auch seinen neuen, damals visionären Namen: „Österreichisch-Ungarische Europaschule“, die er dann ab 1995 (bis 2010) auch leitete.

Die Eröffnung der Österreichisch - Ungarischen Europaschule Budapest

Es ist geschafft! Lange hat es gedauert, viel Mühe hat es gekostet! Seit Ende 1989, gleich nach der "Wende", bemühten sich die Schulbrüder ihre alte Schule wieder eröffnen zu können. Jetzt ist es endlich soweit und die Schule der Schulbrüder konnte in Budapest den Betrieb wieder aufnehmen.“, berichtet damals Alfred Brychta für die Provinznachrichten der Schulbrüder (1995) über die Eröffnung der Österreichisch-Ungarischen Europaschule und des Österreichisch-Ungarischen Kindergartens auf dem Areal der ehemaligen St. Josef – Knabenerziehungsanstalt.

Das Gebäude befand sich immer noch in desolatem Zustand, große Teile davon waren einsturzgefährdet, da die Eisentraversen der Deckenkonstruktion vollkommen durchgerostet waren. Böden, Wände, Elektroinstallationen, Heizung, Fenster,... waren unbrauchbar und mussten erneuert werden. Durch großzügige finanzielle Unterstützung der Republik Österreich war es letztlich möglich, Anfang des Jahres 1995 mit der Sanierung und Adaptierung des Gebäudes zu beginnen. Von Beginn an dabei war Herr Zbarcea György, besser bekannt als „Gyuri bácsi“. Er kennt wirklich jeden, auch den verborgensten Winkel der Europaschule.

Zunächst wurde eine "Machbarkeitsstudie" erstellt, welche ergab, dass bis zum Schulbeginn im September die Renovierung des halben Hauses möglich war, dass es aber zu keinerlei Verzögerung kommen durfte. Eine ungarische Firma unter österreichischer Leitung koordinierte als Generalunternehmer die Arbeiten.

 „Eine hektische Zeit mit vielen Besprechungen begann. Kenner der ungarischen Bauszene hatten zu diesem Zeitpunkt - und auch später - nur ein mitleidiges Lächeln, dass die geplante Renovierung tatsächlich fristgerecht beendet werden könnte. Der Zeitplan wurde tatsächlich eingehalten. Unsere Zuversicht war also wirklich begründet, wenn auch, wie oben schon erwähnt, die nervliche Anspannung enorm war. Der 4. September 1995, der Tag des Schulanfangs, rückte rasant näher. Auf der Baustelle arbeiteten manchmal hundert und mehr Arbeiter gleichzeitig. (...)“, notierte damals Alfred Brychta.


 

 

 

 

 

 

Am 31. Oktober 1995 wurde die Österreichisch-Ungarische Europaschule in Budapest mit einem feierlichen Festakt offiziell eröffnet.

Neben vielen Ehrengästen aus Ungarn und Österreich nahm auch der damalige ungarische Staatspräsident Göncz Árpád teil, der in seiner Festrede sagte: „Die zu uns gekommenen österreichischen Schulbrüder mögen in Ungarn ihre zweite Heimat finden. Die Schülerinnen und Schüler sollen wiederum in Europa ihre zweite größere Heimat sehen."

Heute ist die Europaschule eine der besten Schulen Budapests und die Plätze in den Klassen sind sehr begehrt. Aus 3 sind mittlerweilen 18 Klassen geworden. Aus anfänglich 7 PädagogInnen wurden an die 50, insgesamt sind es rund 70 MitarbeiterInnen, die sich um das Wohl der SchülerInnen und um einen problemlosen Schulbetrieb kümmern.

Evelin Stanzer, MSc
Schulleiterin